Diese Frage hat sich wohl jeder schon mal gestellt, der die Schlagzeilen der Zuckerdebatte aus den letzten Jahren mitverfolgt hat. In Kindergärten werden Obstplatten statt Geburtstagskuchen aufgetischt, alternative Süßungsmittel erleben einen wahren Höhenflug und das Angebot an Produkten ohne zugesetzten Zucker steigt in jedem Supermarktregal – ob Ketchup, Soft Drinks oder auch Frühstückscerealien.

Wir haben die diplomierte Ernährungstrainerin und TCM-Ernährungsberaterin Patricia Görgl gebeten, uns ihre Sichtweise auf das komplexe Thema Zucker darzustellen und zeigen dir hier das erfrischende Ergebnis:

Zucker – eine andere Betrachtungsweise (Patricia Görgl)

Zucker hat sich mittlerweile einen ziemlich schlechten Ruf gemacht. Es gibt unzählige Bücher, Blogbeiträge und Literatur rundum „das weiße Gift“.

Ist Zucker aber wirklich so schlecht?

Um ehrlich zu sein, kann ich das pauschal nicht beantworten. Es gibt rundum das Thema Zucker einige Fakten, welche man nicht außer Acht lassen soll. Ob dies jedoch die einzige Sicht auf den Zucker sein sollte, sehe ich etwas anderes. Aber fangen wir von vorne an.

Fakt ist, unser Körper benötigt Zucker zur Energiegewinnung. Bei sämtlichen Prozessen, die im Körper ablaufen, brauchen wir Zucker. Auch für unser Gehirn ist Zucker sehr wichtig, damit es seine Struktur und Funktion ideal aufrechterhalten kann.

Da wir gern mehr Zucker zu uns nehmen als unser Körper tatsächlich braucht, kommt es zu einem Energieüberschuss. Der Körper schnappt sich die überschüssige Energie und legt diese in Fett an. Diese übermäßige Energie, die in Fett eingelagert wird, wäre ja per se nicht schlecht, vor allem in Notlagen.

Jedoch kommen wir in unseren Zeiten und in diesem Teil der Welt in den wenigsten Fällen in Notsituationen, in denen der Körper von diesen Fettdepots zehren kann. Vereinfacht gesagt, führt diese übermäßige Energie zu Übergewicht und dieses Übergewicht nimmt natürlich alle seine ungesunden und gesundheitsschädlichen Kollegen gleich mit.

Zucker und die TCM

Aus Sicht der traditionell chinesischen Medizin wird Zucker auch sehr interessant betrachtet: Hier spricht man davon, dass Zucker das YIN schwächt. Das YIN ist auch das zu Hause der Nierenenergie, welche aus Sicht der TCM u.a. für die Versorgung von Knochen und Zähnen zuständig ist. Bei zu hohem Zuckerkonsum wird diese Energie geschwächt und unsere Zähne und Knochen werden geschädigt, Stichwort Karies. Generell wirkt Zucker verschleimend auf den Körper und diese Verschleimung begünstigt das Entstehen von Krankheiten.

Ein weiterer spannender Aspekt läuft auf Gefühlsebene ab. Die Niere ist ebenso die Heimat der Willenskraft, welche durch den Zuckerkonsum auch beeinträchtigt wird. Dadurch fällt es uns schwer Entscheidungen zu treffen, wir neigen zu Antriebslosigkeit und fühlen uns ausgelaugt.

Aus mentaler Sicht ergeben sich auch noch weitere Fragen, die wir uns selbst stellen: Warum brauche ich denn gerade so viel Zucker? Wieso muss es denn eine ganze Tafel Schokolade sein? Und warum reicht nicht nur ein Stück? Muss ich mir das Leben versüßen? Muss ich getröstet werden?

Wie gehe ich aber nun mit dem Thema Zucker um? Darf ich noch welchen essen oder nicht?

Aus meiner ganz persönlichen Sicht ist auch hier wieder der altbewährte Satz: „Die Dosis macht das Gift“ genau der Richtige. Wie bei allem ist auch hier „einfach“ darauf zu achten, dass die Menge, die wir unseren Körper zuführen, angemessen ist. Alles extreme, sei es auf Zucker komplett zu verzichten oder ihn in rauen Mengen zuzuführen ist letztlich, ich betone aus meiner Sicht, nicht zielführend.

Ich esse, zum Beispiel, gern einmal ein Stück Kuchen mit Genuss und bin davon überzeugt, dass dieses Stück meinem Körper nicht schadet. Ich persönlich, bin überzeugt, dass die Suche nach dem „schlechtesten“ und „bösesten“ Lebensmittel uns nicht sehr weit bringen wird. Jedes Lebensmittel hat eine gute wie auch eine Kehrseite, je nachdem was dein Körper eben gerade braucht und was nicht. Alles, was zu viel oder einseitig ist, führt letztlich zu unangenehmen Begleiterscheinungen.

Die ständigen Diskussionen rundum das Essen und die Panik, nur ja das Richtige und nichts Falsches zu sich zu nehmen, bringen vor allem eines: Unsicherheit und Frust – und genau dieser führt dazu, dass sich immer mehr Menschen mit dem Thema Ernährung mehr als überfordert fühlen, was wiederum genau zu dem Punkt führt, dass man seine Intuition bzw. sein Gespür, was einem PERSÖNLICH guttut und was nicht, verliert.

Ein schöner Satz, der mich seit vielen Jahren begleitet ist:

„GOD-MADE FOODS OVER MAN-MADE FOODS“

Wenn wir den Fokus wieder darauf legen, richtige Lebensmittel zu uns zu nehmen anstatt künstlich erzeugte, chemische Produkte, entscheiden wir uns bewusst für unsere Gesundheit. Von einer achtsamen Haltung dem Essen gegenüber und den uns zu Verfügung stehenden Ressourcen profitieren wir alle.

Um Patricias Kommentar zusammenzufassen, können wir festhalten, dass unser Körper Zucker braucht, und zwar für sämtliche körpereigenen Prozesse. Ein Überschuss an Zucker wird in Form von Fett eingelagert, was in weiterer Folge und bei übermäßigem Zuckerkonsum zu Übergewicht, Fettleibigkeit und den damit einhergehenden gesundheitlichen Problemen führen kann. Trotzdem ist es – in Patricias Meinung, die auch die Verival Perspektive zu diesem Thema widerspiegelt – nicht zielführend, sich Zucker voll und ganz zu verbieten. Im besten Fall schafft man es, eine gesunde Balance zu finden, auf den eigenen Körper zu hören und ihm das zu geben, was er braucht. Ein gesundes Müsli zum Frühstück wäre schon einmal ein sehr guter Start. Also, um die ganz zu Beginn gestellte Frage „Darf ich Zucker überhaupt noch essen?“ zu beantworten, sagen wir: Ja, darfst du.

Über Patricia

Patricia begleitet das Thema Ernährung und gesunder Lebensstil schon ihr ganzes Leben lang. Das Thema Achtsamkeit hat ihr einen neuen Blickwinkel auf Ihre Tätigkeit eröffnet, den sie in ihrer Arbeit und ihren Büchern einfließen lässt.

Sie sieht sich als Impulsgeberin um Menschen zu unterstützen auf ihren Weg (zurück) zu einem positiven Körpergefühl.

www.patricia-goergl.com